Quellenangabe: Siehe unter dem Text!
"...Ich erinnere mich, einmal ein Foto von Muammar Gaddafis Schlafzimmer gesehen zu haben. Es war in Time oder Newsweek, und es zeigte ein Rundbett mit schwarzen Satinbezügen, einem schwarzen Kopfteil - eigentlich war alles schwarz, einschließlich mehrerer schwarzer Plüschpanther über dem Bett, von der Sorte, wie man sie gewöhnlich auf dem Rummelplatz gewinnt. Trotz meines ahnungslosen Teenagerblicks dachte ich beim Betrachten des Bildes: "Mein Gott, warum haben die für die Aufnahme keinen Stylisten angeheuert?" Die Laken waren so zerknittert, als hätte der Fotograf gesagt: "Kiki, kannst du das Laken kurz am Fenster ausschütteln? Der männliche Moschusduft ist etwas arg streng, und amch den Mund zu, damit du nicht aus Versehen ein Schamhaar verschluckst."
Das Bild hatte zweiffellos etwas Authentisches. Die zerwühlten Laken und die wahllos durcheinander gewürfelten Accessoires erinnern mich an eine Fotostrecke in Hello!, die ich einige Jahre später in den 1980er sah: "Britt Ekland zu Hause mit Slim Jim Phantom von den Stray Cats". Ich erinnere mich so gut an die Bilder, weil man deutlich die dunklen Flecken und ausgetretenen Stellen auf dem Teppich sah und niemand sich die Mühe gemacht hatte, den billigen Nippes in einem Regal aus dem Baumarkt wegzuräumen. Britt und Slim Jim waren echt, verdammt noch mal! Es waren absolut fesselnde Bilder - genau die Sorte "Eure Stars ganz privat"-Fotos, auf denen es unendlich viel zu entdecken gibt. Waren die Bilder vielleicht vom gleichen Fotografen, der auch Gaddafis Schlafzimmer aufgenommen hatte? Gut möglich. Aber in Gaddafis Fall hätte ich gern noch den Inhalt seiner Nachttischschubladen gesehen: Kleenex-Tücher, Vaseline, einen angebissenen Kebab und geheime Aufnahmen von henry Kissinger, Jill St. John und Agent X beim Dreier in einer Davoser Hotel-Suite.
Gaddafis Schlafzimmer erinnerte mich außerdem an die Zimmer meiner beiden älteren halbwüchsigen Brüder. Hätte Gaddafi eine Pyramide aus Corona-Bierflaschen auf dem Nachttisch oder der Fensterbank stehen gehabt, wären meine beiden Brüder damit völlig einverstanden gewesen, und die Flaschen hätten bestens mit der übrigen Einrichtung von Gaddafis Liebeshöhle harmoniert.
Was aber die Schlafzimmer Halbwüchsiger und Diktatoren eint, ist, dass ihre Bewohner (mit Ausnahme von Mussolini) dort die Gelegenheit für eine Nummer haben. Demokratisch gewählte Politiker ziehen Sex im Poolhäuschen, Speisekammern und von den Steuerzahlern der freien Welt finanzierten Limousinen vor. Aber Sex im Schlafzimmer? Ich glaube nicht.
(...)
In all dem steckt eine zwingende Botschaft. (...)
Wenn du im Haus eines Diktators bist, wird Schmeichelei dir nicht nur alle Türen öffnen, sondern dir vermutlich auch das Leben retten. Jedenfalls hat es bei Kiki funktioniert."
entnommen aus: Coupland, Douglas : "Vorwort"; in: York, Peter: "Zu Besuch bei Diktatoren", 1. Aufl. München, 2006. (aus dem engl. Original "Dictator´s Homes", London, 2005). - S 7. -10.
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